Text

Katalogtext 2012

Aller Anfang ist Raum, Merz, Rhythmus und‚ trotz(t) der Skulptur…

– versuchte Gedanken zur künstlerischen Strategie und Methode von Julius Dörner

„Die Biografie des Dings hat ein ganz außerordentliches Aufnahmevermögen für die Einbeziehung des menschlichen Materials.“
(Sergej Tretjakov)

Es ist das Vorrecht und die Inspiration junger Kunst und junger Künstler generelle und zweifelnde Fragen an die Bedingungen von Kunst in Geschichte und Gegenwart zu stellen: ihre Materialien, Methoden, künstlerischen Strategien, Ausstellungsformen und Be-Deutungen. Kaum etwas scheint gegenwärtig in verbindlichen Werten der Kunst-Produktion, Rezeption und Interpretation gesichert

– außer dem nahezu zwanghaften Verdikt zur medialen Präsenz. Dieser veräußerlichte Diskurs er- scheint im Gewand geschichtsloser und instrumentalisierter Ökonomie und einseitig technologischer Vernunft.

Die Kunstwerke selbst repräsentieren dabei zumeist medial geprägte Installationen ohne jeg- liche Spuren der subjektiven, menschlichen Arbeit, dem auch mit Brüchen und Rissen verlaufendem Dasein von Subjekten (auch Künstlern) und Objekten und ihrer Relationalität unter und zueinander. Julius Dörner setzt diesen Mechanismen der Verdrängung von historischen Bedingungen und Bruchstellen (auch durch den anderen Kriterien folgendem (Kunst-)Markt) einen anderen Ver- such entgegen: bildhaft wirkende Relief- und Skulpturenartige Raumgebilde aus Abfallmateriali- en, Sperrmüll, Fundstücken (Readymades) und zersägten Bauteilen verweisen konkret auf die Ge- schichtlichkeit sowohl des Materials in seinen ehemals auch funktionalen Zusammenhängen und betonen die Spuren des Gebrauchs, der konstruktiven Nutzung, als auch der ironisierenden Ak- zentuierung des nun neu bearbeiteten Materials als scheinbar reine Kunst-Gebilde. Das erinnert zurecht an einen Wesenszug der historischen Avantgarde, die mittlerweile ‚klassische Moderne‘ ge- nannt wird, und ihrem revolutionären Siegeszug genau auf dieser Grenzscheide, ‚Rasierklinge‘,der auch zwischen angewandter und freier Kunst begann. Die Fragestellung an die Wahrnehmungs- weise der Betrachter zielt auf die alte und doch wiederum so neue Sinnes-Provokation, ob der Le- bensraum dem Kunstraum genauso gleichzusetzen ist wie umgekehrt. Die avantgardistische For- mel, Leben=Kunst und Kunst=Leben, stellt auch gegenwärtig noch die notwendige Frage nach der ethischen, ästhetischen, politischen,sozialen und philosophischen Verhältnismäßigkeit von Subjekt und Objekt in Beziehung zum umgebenden Raum (von Museum und Galerie bis hin zum politi- schen Raum). Wenn im Falle von Julis Dörner die Raum-Gebilde und Figuren zwischen bildhaf- tem und installativen Subjekt-Objekten oszillieren ist auch der Ausstellungstitel zu verstehen: „abs- trakt trotz skulptur“. Das Abstrakte als dennoch der Natur und Realität zugehörig und die Skulptur als Ausdruck einer rundum-ansichtigen, auch künstlerisch-erfinderischen Tatsache, verweisen auf die Spuren unserer eigenen Geschichtlichkeit. Mit Henri Lefebvre, dem französischen Soziologen und Philosophen, ließe sich dieser Gedanke wie folgt ausdrücken, zusammenfassen und aufhellen: „Das Sein ist freilich dem Bewusstsein nicht nur voraus; es hinkt ihm auch hinterher. Ein und dasselbe Wort bezeichnet, woraus wir im Verlauf einer langen Geschichte hervortreten, die je- des Bewusstsein gleichsam gerafft noch einmal wahrnimmt und erlebt. Die Natur bezeich- net in der Vermischung diese beiden Ausprägungen des ‚Seins‘. Einerseits verweist sie auf ‚das menschliche Sein‘, die ‚menschliche Natur‘, die aus der Geschichte heraustreten wird, die niemals von der vorgegebenen Natur sich wird trennen können – wenngleich sie durch die Anti-Natur (das Abstrakte) hindurchgehen muss. Andererseits bezeichnet die Natur, woraus die Geschich- te hervorgeht, das, was sich verwandelt und zugleich in den sukzessiven Formen des Handelns, der Abstraktion, der Zeichen, die das Handeln ermöglichen und tragen, und der menschlichen Macht sich enthüllt. Die Natur vereinigt in ihrer Vermischung diese beiden Bestimmungen.“

Für die Formen des Handelns können wir nun auch den Begriff des Erfindens und Ge- staltens einsetzen und damit die ethische und ästhetische Notwendigkeit zur künstleri- schen Spurensicherung und Neu-Gestaltung zugleich erkennen: der Ausdruck des benutz- ten, des geschichtlich gewordenen an Materialien und Objekten selbst verweist auf die biografische, menschliche Spur in der Aneignung oder Ablehnung von scheinbar objektiver Realität als subjektive und konstruktive Vermischung. Und darin liegt ein Auftrag von Kunst und Künsten. Nicht nur in den farblich prägnant und nach Regeln der ästhetischen Ausgewogenheit erstellten Objekten von Julius Dörner lässt sich hier eine Verbindungslinie zu dem MERZ-Künstler Kurt Schwitters ziehen: „Was Kunst ist, wissen Sie ebenso gut wie ich, es ist nichts weiter als Rhythmus. Wenn das aber wahr ist, so beschwer ich mich nicht mit Imitation oder mit Seele, sondern gebe schlicht und einfach Rhythmus mit jedem beliebigen Material, Straßenbahnfahrscheinen, Ölfarbe, Holzklötze, ja da staunen Sie Bau- klötze, oder mit dem Wort in der Dichtung, dem Ton in der Musik, oder wie sie wollen…. jedes Kunst- werk aller Zeiten musste diese primäre Forderung erfüllen, Rhythmus zu sein, sonst war es nicht Kunst.“

Mit dieser Art Realismus zwischen Natur und Abstraktion kann dann mit den hybri- den Kunst-Gebilden und Objekten von Julis Dörner der Kunstraum auch wieder zum be- wohnbaren Lebensraum werden, denn: mit diesem Rhythmus darf getanzt werden.

Prof. Gunnar F. Gerlach

Rede zur Gruppenausstellung in der Galerie Villa Köppe

„…Im Sturzflug geht es nun direkt zu den Objekten von Julius Dörner, die von eindringlich schlichter und auch ein wenig schalkhafter Schönheit beseelt sind. Sie basieren hauptsächlich auf armen Materialien, auf Fundstücken des Alltags, mit denen der Künstler häufig eine persönliche Geschichte verbindet: Glasschälchen aus der Serienproduktion, banal-typische Resopan-Küchenplatten, spröde Tür- oder Fensterrahmen. Durch die Materialbearbeitung, farbliche Akzentuierungen und das Arrangement entstehen eigenständige Objekte, die neue Assoziationen hervorrufen. Allesamt werden sie dabei, wie der Künstler selbst einräumt, durch den humorvollen Umgang mit dem auf geometrischen Grundformen und gleichmäßigen Flächen basierenden Gestaltungsprinzipien des russischen Konstruktivismus inspiriert. Das heißt: die beliebige Geradlinigkeit und bisweilen sterile Akkuratesse des Konstruktivismus wird bei Julius Dörner immer wieder subtil, augenzwinkernd durchbrochen. Und genau hier liegt auch der besondere Reiz seiner Kunst: im Kontrast von altem Gegenstand und neuer Bedeutung. In der Verwandlung des Bekannten ins Überraschende. In der Umkehrung des Banalen ins Hintergründige…“
Dr. Heike Welzel

Katalogtext  2013

When too perfect, lieber Gott böse

(Nam June Paik)

Bildwerke, Objekte und Installationen, gefertigt ausschließlich aus zer- legten Restposten des alltäglichen Lebens, zu Farbflächen und geo- metrischen Körpern zusammengesetzt. Provisorisch und mitunter krude in ihrer Wirkung, gleichzeitig genau austariert, poetisch und humorvoll. Julius Dörner ist ein Meister im Jonglieren von Flächen und Volumen, von Farben und Gewichten. Und er versteht es, jeweils sehr heteroge- ne Versatzstücke zu harmonisieren, ohne ihnen ihre Geschichte(n) zu nehmen. Die Platten, Latten, Schubladen, nun zu etwas Neuem ge- fügt, zeigen die Spuren ihres früheren Gebrauchs, sie künden von ih- rem gestrigen Wert.

Diese dekonstruktivistisch-konstruktive Haltung mit Anleihen bei Dada und Kurt Schwitters, bei der Konkreten Kunst, den Nouveaux Réalis- tes wie bei zeitgenössischen Bricoleurs, ein Grinsen, versonnen oder verschmitzt, auf die Gesichter der Betrachterinnen zaubernd – darin scheint ein poetischer Realismus auf, der Welt analytisch und empa- thisch, kritisch und humorvoll annimmt.

Dr. Silke Feldhoff